Your faithful subject

Am Grunde des Flusses (inspiriert vom Lied „Bottom Of The River“ von „The Tom Fun Orchestra“)

Musik von Seba

Stanleys kleiner Verbrecherzirkel – zu dem ich mich nun wohl nicht mehr zählen darf – stand weit davon entfernt das Ansehen einer großen Organisation wie der Mafia oder den Triaden zu genießen. Eine kleine Gruppe von Halunken, mehr nicht. Dennoch ließ Stanley es sich nicht nehmen, einige seiner leicht exzentrischen Charakterzüge auszuleben. An dieser Stelle seien der Nadelstreifenanzug mit passender Kopfbedeckung und die Tommygun im Geigenkasten nur mal als Beispiele genannt. Irgendwann machte dann das Gerücht die Runde, es gäbe einen Spitzel unter uns. Ich weiß nicht wie es kam, aber letztenendes zeigten alle mit dem Finger auf mich. Ehe ich mich versah, stand ich mit Tony und „Hast-du-ein-Problem?“-Paule auf der Brücke. Die Füße im Zementbad.

Es war eine kalte Nacht, leichter Nieselregen in der Luft. Der kalte Zementbrei quoll durch meine Zehen, meine Handgelenke schmerzten von den Stricken, die sie fesselten. Von jeglichem Zeitgefühl befreit verging eine kleine Ewigkeit und war die Masse um meine Füße und Knöchel doch viel zu schnell erhärtet. „Mach's gut“, sagte einer von den beiden. Ich weiß nicht mehr, wer es war – ich hasse sie beide. Dann zerrte die Zugluft an meinem Körper und mit Getöse durchbrach der Klotz an meinem Ende die Wasserschicht.

Die Kälte kroch durch jede Pore. Lange konnte ich den Atem nicht anhalten – konnte ich noch nie, ich bin kein Taucher. Anstatt Luft schnappte ich nur das Wasser um mich herum. Ringsumher. Erst stach es wie Nadeln, dann vergaß ich den Schmerz. Die Wasseroberfläche beruhigte sich allmählich.

Ich sehe hinauf und blicke in den Sternenhimmel.
Ich sehe die Blätter des Herbstes über mir im Sonnenlicht dahintreiben.
Ich sehe die Steine versinken, die Kinder im Spiel in den Fluss werfen. Ein donnerndes Echo, wenn sie auftreffen, ein sanftes Rauschen, wenn sie niedersinken. Klang es bei mir ähnlich?

Ich merke, wie die Seile um meine Gelenke rotten.
Meine Haut hat die kalte Farbe der Umgebung angenommen.
Meine Augen stechen kreischend-weiß hervor.
Meine Fesseln rotten. Auch Zement ist nicht für die Ewigkeit.
Bald bin ich befreit.

Ich warte nur.

6 Kommentare

  1. avatar
    Wow. Toller Text, vor allem der Schluss… und da ich das Lied nicht kenne, geh ich das jetzt mal suchen.
  2. avatar Seba
    Ich merke gerade, dass ich mich im Titel geirrt habe. Es heißt nur: „Bottom Of The River“. tomfun.ca
  3. avatar
    Da die große Suchmaschine mit den O in der Mitte sowieso nicht nach Artikeln sucht, hab ich’s auch so gefunden. Ist auch wirklich ein hübsches kleines Liedchen… *Geschmack getroffen*
  4. avatar Christoph
    Hui.

    Interessante Interpretation. An die Mafiamethode hatte ich nie gedacht.
  5. avatar Timon
    Interessant… Wirklich gut muss ich sagen. Du wirst immer besser.

  6. avatar Seba
    Danke! Freut mich wirklich sehr, das zu hören. :)

Und jetzt du

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